NRW-Task-Force für Knast-Konzepte: Handy-Hunde und Anti-Suizid-Kamera


Mittwoch, 08. August 2018 14.35 Uhr


Düsseldorf (dpa/lnw) - Vierbeiner sollen im Knast Handys erschnüffeln und den Drogenschmuggel bekämpfen. Smarte Kameras könnten erkennen, wenn hinter Gittern ein Suizid vorbereitet wird. NRW-Justizminister Biesenbach will den Strafvollzug in NRW auf Top-Niveau bringen.

«Task Force» - das klingt nach schneller Eingreiftruppe, «Action», Problemkiller. Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) nennt seine neue «Landesjustizvollzugsdirektion» daher gerne so. Was sie für den Strafvollzug in NRW bringen soll und warum sie bundesweit einmalig ist, erklärte der CDU-Politiker am Mittwoch in Düsseldorf an Beispielen.

SCHLIEßER: Oft werden Justizvollzugsbeamte als «Schließer» belächelt, tatsächlich haben Sie einen körperlich, psychisch und intellektuell anspruchsvollen Job. Ihre «Kundschaft» werde schwieriger, räumte Biesenbach ein. Hinzu komme der anstrengende Schichtdienst. Bewerber sind Mangelware. Die Task Force soll ein tragfähiges Personalkonzept erstellen und neue Akzente im Wettbewerb um passende Köpfe setzen.

STELLEN: Insgesamt arbeiten derzeit in NRW rund 8800 Beschäftigte im Strafvollzug: Neben 6360 Leuten im allgemeinen Vollzugsdienst («Schließer») unter anderem auch Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter, Lehrer, Handwerker und Juristen.

PROBLEM: Die belastenden Jobs hinter Gittern sind unbeliebt. «Damit will keiner was zu tun haben», stellt der Vorsitzende des Bunds der Strafvollzugsbediensteten NRW, Peter Brock, fest. Allein im allgemeinen Dienst gebe es etwa 400 offene Stellen. Der Minister betonte, 2018 seien über 230 neue Stellen geschaffen worden, mehr als 100 sollen 2019 folgen. Nun soll das Auswahlverfahren auf den Prüfstand, weil viele Bewerber nicht passen. Die Grünen sehen in den nächsten fünf Jahren Bedarf für 1000 neue Stellen. Die SPD nannte Biesenbach einen «Ankündigungsminister». Unbesetzte Stellen seien keine Lösung.

KUNDSCHAFT: Der Umgang mit der «Kundschaft» aus 116 verschiedenen Staaten werde im Justizvollzug immer schwieriger, räumte der Minister ein. Zudem wachse seit 2015 (15 310 Gefangene) die Zahl der Häftlinge stetig. Prognostiziert wird ein Anstieg um ein Prozent jährlich.

AUSLÄNDER: Der Anteil ausländischer Gefangener ist in den vergangenen Jahren deutlich auf inzwischen 36,5 Prozent geklettert. «Viele sprechen kein Deutsch», stellte Biesenbach fest. «Andere, insbesondere aus nordafrikanischen Staaten, sind ausgesprochen aggressiv.» Das stelle enorme Herausforderungen an das Personal.

ZU DUMM: «Darüber hinaus ist das Bildungsniveau der Gefangenen stark gesunken», bilanzierte der Minister. «Für viele stehen das Erlernen von Wort und Schrift oder normale Umgangsformen im Vordergrund und noch nicht ein höherer Bildungsabschluss.»

DROGEN UND PSYCHOSEN: Viele Gefangene sind psychisch labil, leiden an psychiatrischen Vorerkrankungen oder der Konsum synthetischer Drogen hat ihre Persönlichkeit verändert, zu aggressivem Verhalten, behandlungsbedürftigen Psychosen oder Neurosen geführt. «Die Möglichkeit, an Drogen zu kommen, ist in den Anstalten viel zu groß», stellt Biesenbach fest. Gut zwei Drittel seien abhängig. Eine weitere Baustelle für die Task Force.

DROGEN- UND HANDY-HUNDE: Einen Schub erhofft sich der Minister durch smarte vierbeinige Helfer. Hunde könnten darauf trainiert werden, nicht nur Drogen, sondern auch Handybatterien zu erschnüffeln, berichtet er. «Wenn wir die Handys finden, kappen wir auch den Drogenschmuggel.» Die derzeitig benutzten Spürgeräte springen nur an, wenn die Handys benutzt werden. Biesenbachs Ziel: «Möglichst ein bis zwei Hunde in jeder Anstalt.» Derzeit gebe es in NRW erst acht Drogenhunde in den 36 Gefängnissen. «Wenn die da sind, laufen die Wasserspülungen.»

ANTI-SUIZID-KAMERAS: Bundesweiter Vorreiter will Biesenbach mit einer weiteren Innovation sein, die er in Amerika abgeschaut hat. Computergestützte Videokameras sollen dank gespeicherter Bewegungsmuster erkennen, wenn ein Gefangener einen Suizid vorbereitet. «Die Kamera springt erst an, wenn sie eine Vorbereitungshandlung erkennen kann», erläutert Biesenbach. «Wenn etwa ein Betttuch zerrissen, eine Schlaufe um den Hals gelegt oder eine Schnur an den Heizkörper gebunden wird.»

KNAST-KONJUNKTUR: Die wachsenden Belegungs- und Problemlagen sowie der hohe Sanierungsbedarf der teils noch aus der Kaiserzeit stammenden Gefängnisse erfordern Neubauten. Die Anstalt in Münster werde komplett neu errichtet, bekräftigt Biesenbach. «Zwei weitere große möchte ich bauen.» Schnelle Lösungen sind angesichts des Widerstands in den Kommunen nicht in Sicht. Auch wenn ein Standort gefunden sei, müsse mit bis zu acht Jahren Bauzeit gerechnet werden.

KEIN ZIMMER FREI: Derzeit seien die nominell 17 500 Haftplätze mit über 16 200 Gefangenen voll belegt, da fast 1400 Zellen wegen dringender Sanierungsbedürftigkeit nicht nur Verfügung stünden. Künftig sollen rund drei Prozent Puffer eingeplant werden, um etwa islamistische Gefährder oder organisierte Kriminelle möglichst weit voneinander zu trennen.