Messerangriff auf Wildpinkler - «Die Hose war noch offen»


Donnerstag, 11. Oktober 2018 12.54 Uhr


Oldenburg (dpa) - Es stinkt, greift Hausfassaden an und ist in vielen Städten Alltag: Männer, die einfach irgendwo hinmachen. Mit Zäunen, Schutzlack oder Ordnungsdiensten versuchen Städte, Wildpinklern Einhalt zu gebieten. Auch Bürger wehren sich - manchmal mit Gewalt.

Viele Städte haben Ärger mit Wildpinklern. Auch manchen Bürger treiben Männer, die sich an Bäumen oder Hauswänden erleichtern, zur Weißglut. Im niedersächsischen Oldenburg eskalierte ein Streit so sehr, dass ein junger Pinkler wochenlang im Koma lag. «Sein Leben konnte nur durch mehrere Operationen gerettet werden», sagt Staatsanwältin Gesa Weiß am Landgericht. Dort muss sich seit Donnerstag ein 30-Jähriger für versuchten Totschlag verantworten. Er soll dem Schüler im März ein Messer in den Rücken gerammt haben. Am ersten Prozesstag schwieg der Angeklagte zu den Vorwürfen.

An jenem Abend Anfang März wollte der Jugendliche mit zwei Freunden in der Innenstadt feiern gehen. Fünf bis sechs Bier hatte jeder von ihnen getrunken, wie der heute 18-Jährige vor Gericht aussagt. Weinend schildert er, was damals geschah. Immer wieder versagt ihm dabei die Stimme: Vor dem Lokal stand eine lange Schlange, und die Blasen der drei drückten. Also gingen sie zu einem Parkplatz in der Nähe, um dort an eine Hecke zu urinieren.

«Der Angeklagte nahm daran Anstoß», sagt Staatsanwältin Weiß. Das habe er lautstark kundgetan, es sei zum Streit gekommen. Dann habe er den Jugendlichen angegriffen, der ihm am nächsten stand - ihm zielgerichtet und kraftvoll in den Rücken gestochen, sagt Weiß.

Dass Wildpinkler den Zorn von Passanten oder Anwohnern auf sich ziehen, kommt immer wieder vor. Im Sommer bedrohte ein 39-Jähriger in Hamburg einen Mann, der sich an einem Baum erleichtert hatte, mit einer Schreckschusswaffe und feuerte zweimal auf den Boden.

Oft sei Alkohol im Spiel. Und gewalttätigen Auseinandersetzungen gingen Wortgefechte voraus, sagt Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. «Da gibt es eine besondere Dynamik, so dass sich das hochschaukelt. Der eine fühlt sich ertappt, der andere in besonderer Weise angegriffen.» Wildpinkler seien zudem leichte Opfer, erläutert der Bremer Profiler Axel Petermann. «Sie stehen da mit geöffneter Hose, urinieren und zeigen dabei wohl regelmäßig den Tätern ihren Rücken.»

So war es auch in Oldenburg. Der Jugendliche versuchte noch, wegzurennen. «Die Hose war noch offen», sagt er vor Gericht. Doch der Angreifer war schneller. «Auf einmal wurde es warm an der Seite», so der 18-Jährige. «Ich habe hingefasst, die Hand war voller Blut.» Drei Monate lag der Schüler im Krankenhaus, mehrere Wochen im Wachkoma. Noch heute sind die Druckstellen der Atemmaske im Gesicht zu sehen. Der Messerstich und die Operationen haben große Narben am Oberkörper hinterlassen. Noch mehr leide er aber unter den psychischen Folgen, sagt er. Abends traue er sich nicht mehr allein nach draußen.

Der Angeklagte folgt interessiert, aber scheinbar ungerührt. Auf einem Blatt vor sich macht er Notizen, blättert in einem Aktenordner. Ob er was zur Sache sagen wolle, fragt ihn der Vorsitzende Richter. «Heute nicht», sagt der 30-Jährige. Der Prozess wird fortgesetzt.