Justizministerium NRW
Quelle: Justiz NRW

Grußwort von Justizminister Thomas Kutschaty anlässlich der Amtseinführung der Leiterin der Justizvollzugsanstalt Essen und Würdigung des Amtsvorgängers

18.03.2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

es ist mir eine wirklich große Freude, Sie heute hier in der JVA Essen begrüßen zu dürfen. Denn bekanntlich haben Heimspiele immer ihren ganz besonderen Charakter. Und als stolzer Essener fühle ich mich mit dem Vollzugsstandort meiner Heimatstadt selbstverständlich in besonderer Weise verbunden. Ausscheidende Funktionäre im ausverkauften Heimstadion für ihre langjährigen Verdienste für den Verein und die Mannschaft angemessen zu würdigen, ist eine gute Tradition, und so freue ich mich, dass Sie, lieber Herr Paffrath, heute noch einmal hierhergekommen sind. Bereits seit Mai vergangenen Jahres sind Sie nun offiziell im wohlverdienten Ruhestand. Vermutlich haben Sie sich schon längst an ein Leben ohne Dienstpflichten gewöhnt und den Vollzugsalltag gedanklich ein wenig hinter sich gelassen.

Und da Rentner wie Pensionäre bekanntlich nie Zeit haben, ist es umso schöner, dass sie am heutigen Morgen Prioritäten gesetzt und dem Justizvollzug noch einmal den Vorzug gegeben haben.

Lieber Herr Paffrath,

mehr als 35 Jahre Knasterfahrung haben Sie vorzuweisen, da können zum Glück nur wenige Inhaftierte und längst nicht alle Ihre Kolleginnen und Kollegen mithalten. Im August 1979 begannen Sie Ihre Karriere im NRW-Justizvollzug. Erste Eindrücke sammelten Sie in den Justizvollzugsanstalten Siegburg, Duisburg-Hamborn, Remscheid und Kleve. Bereits knapp eineinhalb Jahre später wechselten Sie als Vollzugsdezernent an das damalige Justizvollzugsamt Köln. Mit einschlägiger oberbehördlicher Erfahrung im Gepäck, wurde Ihnen im April 1987 die ständige Vertretung des Leiters der JVA Willich I übertragen. Nach acht Jahren übernahmen Sie Anfang des Jahres 1995 die stellvertretende Leitung der JVA Düsseldorf. Im Januar 2002 sollte die Zeit reif sein: Sie wurden zum Leiter der JVA Essen bestellt! Damit standen Sie einer altehrwürdigen Anstalt vor, die Ende der 1990er Jahre eigentlich für eine Schließung vorgesehen gewesen war.

Der Belegungsdruck in NRW hatte dem Ganzen jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht, und so blieb diese Anstalt mit ihrer inzwischen mehr als 100-jährigen Tradition am Netz. In der Rückschau eine gute und richtige Entscheidung, wie ich finde! Denn Sie, lieber Herr Paffrath, haben frischen Wind in alte Gemäuer einziehen lassen und den Justizvollzug hier nachhaltig geprägt. Der Rheinländer, mit dem Sie als geborener Kölner sehr verbunden sind, würde Sie als „ein Original“ bezeichnen. Was macht „ein rheinisches Original“ eigentlich aus? Ganz klar seine ungemeine Gradlinigkeit und Ehrlichkeit. Er redet nicht um den heißen Brei, beschönigt nicht und nennt die Dinge beim Namen. Er kämpft für das, was ihm wichtig ist und setzt Prioritäten. Er ist fleißig, zugleich aber auch pragmatisch und in jeder Hinsicht zuverlässig. Dass all diese Eigenschaften eine bemerkenswerte Mischung für gute Führungsarbeit à la Paffrath ergeben, haben Sie als Leiter dieser Einrichtung unter Beweis gestellt. Nach mehr als 13 Jahren an der Spitze der JVA Essen übergeben Sie eine inzwischen auch baulich modernisierte Anstalt, an deren Schließung heute niemand mehr denkt. Der Vollzug am Standort Essen hat nicht zuletzt dank Ihnen eine gesicherte Zukunft!

Dass die Zukunft dieser Anstalt nun in Ihre bewährten Hände, liebe Frau Wandelt, gelegt werden kann, freut mich sehr. Mussten wir doch leider viel länger als zunächst gedacht auf diesen Tag warten! Nicht alle hier Anwesenden werden Sie kennen. Gestatten Sie mir daher, dass ich Ihren Werdegang kurz skizziere: In der zweiten Hälfte des letzten Jahrtausends in Dortmund geboren und aufgewachsen, studierten Sie in den 80er Jahren Rechtswissenschaften in Freiburg und Münster. Mit dem 2. Staatsexamen in der Tasche waren Sie ab März 1993 für die Dauer eines Jahres zunächst als Rechtsanwältin tätig. Im Juni 1994 wechselten Sie sodann in den höheren Vollzugs- und Verwaltungsdienst - der Grundstein für eine Karriere im Justizvollzug war damit gelegt! Einschlägige Vollzugserfahrung sammelten Sie zunächst in den Justizvollzugsanstalten Castrop-Rauxel, Iserlohn, Bochum, Hagen, Essen und Werl sowie als Dezernentin in einer der beiden damaligen Mittelbehörden, dem „Hammer Amt“. Im Frühjahr 2002, kurz nachdem Sie, Herr Paffrath hier in Essen den Staffelstab übernommen hatten, wechselten Sie in die Vollzugsabteilung des Justizministeriums. Als Sicherheitsreferentin legten Sie Ihren beruflichen Schwerpunkt damit zunächst auf eine der beiden bedeutenden Säulen im Justizvollzug, nämlich die sichere Unterbringung der Inhaftierten im Land. Ihre hervorragende Arbeit führte dazu, dass Ihnen die Leitung des Sicherheitsreferats im April 2009 offiziell übertragen wurde.

Nach sieben Jahren Sicherheit übernahmen Sie im Herbst 2011 sodann die Leitung eines der Vollzugsreferate mit einer umfangreichen Zuständigkeit: Jugendvollzug, Jugendarrest, Frauenvollzug, Sozialdienst, pädagogischer Dienst, Religionsausübung der Gefangenen sowie ehrenamtliche Betreuung. Diese Aufzählung macht deutlich, dass Sie sich nunmehr der zweiten bedeutenden Säule des Justizvollzugs, nämlich der Behandlung und Resozialisierung verschrieben hatten.  

Diese wichtige Aufgabe haben Sie bis zuletzt mit anhaltend großem Engagement für die Sache gemeistert. Und Ihre Bewerbung aus dieser Funktion heraus auf die Leitung der JVA Essen dürfte nicht nur die Sportbegeisterten unter uns verwundert haben. Denn aus fußballerischer Sicht scheinen Sie sich auf den ersten Blick für einen Abstieg entschieden zu haben. Aber eben nur auf den ersten Blick! Denn der eigentliche Justizvollzug findet an der Basis statt! Die tagtägliche Herausforderung, im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Behandlung unter schwierigen Rahmenbedingungen dennoch bestmögliche Arbeit zu verrichten, wird in den Justizvollzugsanstalten vor Ort gemeistert.

Sie, sehr verehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, stellen sich der Herausforderung Justizvollzug jeden Tag aufs Neue. Sicherlich auch in dem Bewusstsein, einer für unsere Gesellschaft wichtigen Aufgabe nachzugehen, haben Sie hier am Standort Essen seit jeher einen guten Vollzug gemacht. Dafür danke ich Ihnen hier und heute ganz besonders!  

Liebe Frau Wandelt,

Sie haben für sich die Entscheidung getroffen, nach fast 14 Jahren aufsichtsbehördlicher Tätigkeit nun an die Basis zurückzukehren. Ich betrachte das als ein gutes Zeichen für den gesamten Justizvollzug und ich habe Ihren Wunsch, sich nach Essen zu verändern, gerne unterstützt. Der Wechsel zeigt, dass sich Rotation lohnt, denn ein besseres Rüstzeug als die Erfahrung aus der jeweils mehrjährigen erfolgreichen Leitung des Sicherheitsreferats auf der einen und eines Behandlungsreferats auf der anderen Seite dürfte es für eine Anstaltsleiterin kaum geben.

Es ist im Übrigen Ausdruck Ihrer geschätzten Uneitelkeit, dass Amt und Status für Sie allenfalls schmückendes Beiwerk sind. Vielmehr liegt Ihnen die inhaltliche Ausgestaltung des NRW-Justizvollzugs mit seinem bunten Strauß an Chancen, Risiken und Möglichkeiten erkennbar am Herzen.

Und aus der Tätigkeit in meinem Hause kann ich sagen, dass Sie einen kooperativen Führungsstil leben. In der täglichen Arbeit überzeugen Sie durch Ihre ruhige, abwägende und nie überstürzende Art. Sie delegieren Verantwortung, gewähren als Führungskraft Freiheiten im Rahmen des Systems, halten im Gegenzug aber die Fäden  in der Hand. Dabei legen Sie auf eine Kultur des gegenseitigen Respekts und eine angenehme Arbeitsatmosphäre besonderen Wert. Die Meinung Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist Ihnen wichtig, Sie pflegen ein Klima offener Kommunikation. Nicht zuletzt Ihre jahrelange Tätigkeit im Personalrat des Justizministeriums ist der Beweis dafür.

Ich glaube, ich liege nicht falsch, wenn ich der Belegschaft der JVA Essen eine gute Chefin ankündige. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie Ihre hohe fachliche Kompetenz ebenso wie Ihre ausgeprägten sozialen Fähigkeiten jederzeit zum Wohle der hier lebenden und arbeitenden Menschen einsetzen werden. Sie werden das ohnehin starke Team in Essen menschlich und zugleich in vollzuglicher Sicht voranbringen, dabei wünsche ich Ihnen viel Erfolg und natürlich das notwendige Quäntchen Glück, das die Tüchtige ebenso braucht wie der Tüchtige.

Last but not least möchte ich an dieser Stelle Ihnen, lieber Herr Doliwa, ganz herzlich dafür danken, dass Sie als kommissarischer Anstaltsleiter seit Ende 2014 kontinuierlich die Stellung gehalten haben. Dabei hat Sie die Ungewissheit, zu welchem Zeitpunkt die Leiterfunktion offiziell tatsächlich nachbesetzt werden wird, nicht vom Kurs abgebracht. Im Gegenteil: Ihre privaten Interessen haben Sie während dieser langen Zeit noch mehr als zuvor hintangestellt. Und dabei möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass mit Blick auf prominente Inhaftierte und daraus resultierende Presseträchtigkeit durchaus anspruchsvolle Aufgaben zu meistern waren. Ende dieses Monats werden Sie die Altersgrenze erreichen! Mit Blick auf den nahenden Ruhestand hätten Sie sich hier und heute daher entspannt zurücklehnen können. Da Ihnen das Wohl dieser Anstalt, der Sie seit fast 17 Jahren verbunden sind, aber sehr am Herzen liegt, haben Sie sich bereit erklärt, ein weiteres Jahr über die Altersgrenze hinaus aktiv im Dienst zu bleiben. Damit schaffen Sie die Voraussetzung für einen optimalen Übergang in der Leitungsebene. Hierfür danke ich Ihnen sehr!

Bei der Vorbereitung auf diesen Termin bin ich im Übrigen auf eine Parallele, besser gesagt, ein gemeinsames Hobby unserer beiden Hauptakteure gestoßen: Die Musik! Sie, liebe Frau Wandelt, bringen Ihre Stimme im Chor zur Geltung.

Sie sind ein Fan von Udo Jürgens, besuchen gerne Musicals und haben sich bereits im Rock ’n’ Roll versucht. Über Herrn Paffrath hörte ich, dass er Bassgitarre und Keyboard spielt. Dabei werden Sie beide die Erfahrung gemacht haben, dass die Musik von den unterschiedlichsten Talenten lebt. Ich meine, dies lässt sich ebenso auf einen erfolgreichen Justizvollzug übertragen.

Am Ende meiner Ausführungen angelangt, ist es mir nun eine besondere Ehre, Ihnen, liebe Frau Wandelt, die Ernennungsurkunde auszuhändigen. „Willkommen in meinem Revier“, um mit Herbert Grönemeyer zu sprechen! Ich bin davon überzeugt, dass Sie in ein paar Jahren singen werden „Ich würd‘ es wieder tun“ von Udo Jürgens.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Für Fragen, Kommentare und Anregungen steht Ihnen zur Verfügung: pressestelle@jm.nrw.de