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Quelle: Justiz NRW

Jugendkriminalität

Das Verständnis der Jugendkriminalität als eines besonderen Bereichs der Gesamtkriminalität ist heute nahezu selbstverständlich. Aber was macht eigentlich "das Besondere" der Jugendkriminalität gegenüber anderen Kriminalitätsformen aus?
Jugendliche Straftäterinnen und Straftäter

Jugendliche und Heranwachsende befinden sich in einer Lebensphase, die regelmäßig mit Problemen bei der eigenen Identitätsfindung und der Suche nach ihrer Rolle in der Gesellschaft einhergeht. Das Infragestellen von Autoritäten und die Unsicherheit im Umgang mit ihnen sind übliche Begleiterscheinungen auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Überschreiten Jugendliche in diesem Abschnitt ihrer Entwicklung strafrechtliche Grenzen, so handelt es sich überwiegend um Delikte, die ihrer Natur nach den Besonderheiten des Lebensabschnitts geschuldet sind. Zu den jugendtypischen Delikten zählen u.a. das sog. "Schwarzfahren", der Ladendiebstahl oder teils körperliche Auseinandersetzungen untereinander. Diese Form der Jugendkriminalität zieht sich durch alle sozialen Schichten und ist für sich genommen noch kein Indikator für schwerwiegende Entwicklungs- oder Erziehungsdefizite.

In der großen Mehrzahl der Fälle handelt es sich um eine bloße Episode im Leben Jugendlicher, die mit zunehmender Reifung zur bzw. zum Erwachsenen endet.

Daher erfordern jugendtypische Straftaten eine Reaktion, die den Täterinnen und Tätern Grenzen aufzeigt und Konsequenzen eigenen Handelns verdeutlicht, ohne einen Vertrauensbruch des jugendlichen Straftäters in gesellschaftliche und staatliche Institutionen herbeizuführen und ihm private und berufliche Zukunftsperspektiven zu nehmen. Ziel der jugendstrafrechtlichen Ahndung ist daher die Erziehung zu künftig straflosem Verhalten, was etwa die Verpflichtung zur Ableistung von Arbeitsstunden in gemeinnützigen Einrichtungen oder die Verhängung eines Jugendarrestes erfordern kann.

Insgesamt ist die Jugendkriminalität - entgegen gelegentlicher Medienberichterstattung - in den letzten Jahren tendenziell rücklaufig.

Phänomen Intensivstraftäterinnen und -täter

Den o.g. "typischen" straffälligen Jugendlichen stehen allerdings jugendliche Straftäterinnen und Straftäter - in der großen Mehrzahl handelt es sich um junge Männer - gegenüber, die als Intensivtäter in Erscheinung treten und in der Öffentlichkeit mit Besorgnis wahrgenommen werden.

Sie begehen zahlreiche und zum Teil erhebliche Straftaten in kurzen Zeitabständen, so dass ihre Lebensweise befürchten lässt, dass es sich nicht um eine bloße Episode handelt, sondern der Weg in ein von Kriminalität geprägtes Leben vorgezeichnet ist. Etwa die Hälfte aller Straftaten Jugendlicher bzw. Heranwachsender entfallen auf Intensivtäterinnen und -täter, die ihrerseits etwa 5 bis 10 % aller jugendlichen bzw. heranwachsenden Tatverdächtigen stellen.

Die Ursachen sind komplex: Die Jugendlichen wachsen unter dem Eindruck sozialer Probleme und negativer Erziehungserfahrungen auf, etwa durch emotionale Vernachlässigung oder unter Gewalterfahrung (sog. "broken home"-Situationen). Daneben erleben sie keine oder kaum Erfolgserlebnisse in Schule und Ausbildung, was mit Selbstzweifeln und Perspektivlosigkeit einhergeht. Erfahren die Jugendlichen zudem eine entsprechende Stigmatisierung durch die Gesellschaft außerhalb des eigenen Milieus, kann dies zur Ausprägung eines kriminellen Selbstbildes führen, das ein (vermeintliches) Selbstwertgefühl vermittelt.

Fortschrittliche Maßnahmen gegen Jugendkriminalität

Eine wirksame Bekämpfung der Jugendkriminalität  - vor allem der durch Intensivtäterinnen und Intensivtätern begangenen - muss einerseits deren Ursachen bekämpfen, andererseits durch spürbare Ahndung Verhaltensänderungen bewirken und Jugendliche sowie Heranwachsende zur Verantwortung erziehen.

Das Phänomen der Intensivtäterschaft ist in den vergangenen Jahren zunehmend engagiert erforscht worden. Moderne Handlungsansätze im Bereich des Jugendkriminalrechts sind problem- und umfeldbezogen. Sie zielen auf eine bessere Vernetzung der Beteligten und damit auf eine komplexe, abgestimmte Reaktion zur Vermeidung von Wiederholungstaten bzw. auf den Abbruch krimineller Karrieren ab. Der Umgang mit Jugendkriminalität wird so aus einer gemeinsamen Problemperspektive entwickelt.

Die gewonnenen Erkenntnisse werden bei der Bekämpfung von Jugendkriminalität in Nordrhein-Westfalen konsequent umgesetzt:

Aktuell stehen zwei Projektierungen im Vordergrund, bei deren Steuerung das Justizministerium mit dem Innen- und dem Jugendressort kooperiert.

Das Justizministerium Nordrhein-Westfalen hat zum einen das Konzept "Staatsanwältin / den Staatsanwalt für den Ort" landesweit umgesetzt. Einer Jugendstaatsanwältin bzw. einem Jugendstaatsanwalt werden die Ermittlungen bei Jugendstraftaten in jeweils einem bestimmten Viertel, einem bestimmten Stadtteil oder, je nach Größe, einer Stadt zugewiesen. Die Bearbeitung durch eine örtlich fest zugewiesene Jugendstaatsanwältin bzw. einen Jugendstaatsanwalt stellt sicher, dass sie bzw. er den Ort samt Brennpunkten und dem sozialen Umfeld kennt, aus dem junge Täterinnen und Täter stammen. Zudem ist er mit dem familiären und sozialen Hintergrund sowie mit aktuellen privaten und beruflichen Problemen der jugendlichen Täterin bzw. des jugendlichen Täters eher vertraut. Er kennt den sozialen Umgang und weiß um Gefährdungen, die aus diesem für die Jugendlichen erwachsen. Dies ermöglicht eine individuell angepasste Reaktion der Justiz auf Verfehlungen Jugendlicher.

Zudem fördert und unterstützt das Justizministerium in Abstimmung mit dem Ministerium für Inneres und Kommunales und dem Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport "Häuser des Jugendrechts für Intensivtäter". In diesen arbeiten die mit der Bekämpfung der Jugendkriminalität befassten Beteiligten (Justiz, Polizei und Jugendamt) unter einem Dach zusammen. Dies sichert durch "kurze Wege" und ohne Informationsverlust die schnelle Bearbeitung von Jugendstraftaten und verkürzt die Verfahrensdauer. Straftaten können schneller geahndet werden, was für die erzieherische Wirkung auf die jugendlichen Straftäterinnen und Straftäter von Bedeutung ist: Straffällige Jugendliche spüren unmittelbar die Konsequenzen eigenen Verhaltens und können Ursache und Wirkung verknüpfen.
Häuser des Jugendrechts gibt es in NRW bisher an zwei Standorten: seit Juni 2009 in Köln und seit Januar 2014 in Paderborn.


Verantwortlich: Justizministerium NRW, Abteilung III, Stand: 2016