Fall Lügde: Jugendlicher muss sich vor Landgericht verantworten


Donnerstag, 10. Oktober 2019 12.00 Uhr


Paderborn (dpa) - Im Missbrauchsfall Lügde hat am Donnerstag vor dem Landgericht Paderborn ein weiterer Prozess begonnen. Nach Auskunft eines Gerichtssprechers wurde am ersten Verhandlungstag die Anklage verlesen. Die Staatsanwaltschaft wirft einem 16-Jährigen sexuellen Missbrauch von Kindern vor. Nach Angaben des Gerichts war der Teenager selbst Opfer im Fall Lügde und wurde daher bei den Ermittlungen als Zeuge vernommen. Dabei schilderte er die ihm jetzt vorgeworfenen Taten.

Die Verhandlung findet zum Schutz des jugendlichen Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sein Verteidiger äußerte sich vor dem Auftakt gegenüber Medienvertretern. Sein Mandant sei im Alter von 10 bis 14 Jahren selbst Opfer im Fall Lügde geworden und von einem der beiden im September am Landgericht Detmold verurteilten Haupttäter missbraucht worden. Im Alter zwischen 14 bis 16 Jahren sei er dann zum Täter geworden. Dabei sei es nicht zu Gewalt gekommen, die sexuellen Handlungen seien gegenseitig ausgeübt worden.

Dies sei passiert, um Druck loszuwerden. «Die Reinszenierung der Taten ist wohl aus einem Ohnmachtsgefühl heraus geschehen», sagte der Anwalt. Sein Mandant sei jetzt in einer Therapie-Einrichtung untergebracht. Ziel der Verhandlung vor dem Landgericht sei es, dass sein Mandant den eingeschlagenen Weg weitergehen könne. Das Gericht hat bis Ende Oktober zwei weitere Prozesstage angesetzt.

Rund um den Missbrauchsfall auf einem Campingplatz bei Lügde im Kreis Lippe hatte das Landgericht Detmold im August und September erste Urteile gesprochen. Die Haupttäter wurden wegen hundertfachen Kindesmissbrauchs zu Freiheitsstrafen von 13 und 12 Jahren sowie anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Auf dem Campingplatz hatten die Männer laut Urteil jahrelang in mehreren hundert Fällen insgesamt 32 Kinder schwer sexuell missbraucht.

Ein dritter Mann erhielt wegen Anstiftung und Beihilfe eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung. Das Verfahren gegen einen heute 23-Jährigen am Amtsgericht Detmold wurde eingestellt, weil der junge Mann als 16-Jähriger auf dem Campingplatz Opfer und Täter zugleich war und nach Ansicht des Gerichts unter Druck gehandelt hatte.